Schweren Herzens entschieden: Ostthüringen Tour rollt diesmal nicht.

OTZ Gera / Marcus Schulze

22. Apr 2020

SSV-Geschäftsführer Reinhard Schulze (Foto: Peter Michaelis)
SSV-Geschäftsführer Reinhard Schulze (Foto: Peter Michaelis)



Interview der Woche mit Reinhard Schulze, Geschäftsführer des SSV Gera, über die Absage der Ostthüringen Tour

Die 18. Auflage der Ostthüringen Tour, die am Wochenende aus­ge­tra­gen werden sollte, musste aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden. Im Interview berichtet SSV-Geschäftsführer Rein­hard Schulze über eine fortgeschrittene Planung, die plötz­lich hinfällig war. Außerdem spricht er über die verwaiste Rad­renn­bahn.

Wann waren Sie zum letzten Mal auf der Radrennbahn in Gera?

Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: am vergangenen Don­ners­tag. Das war der 16. April.

Und warum waren Sie dort?

Bestimmte Vereinsangelegenheiten müssen auch in dieser schwie­ri­gen Zeit erledigt werden - und dafür benötige ich nun ein­mal die entsprechenden Unterlagen.

Aber Sie arbeiten ansonsten auch im Homeoffice?

Natürlich, doch zweimal in der Woche bin ich für gut zwei Stun­den in meinem Büro. Da widme ich mich dann dem All­tags­ge­schäft, pflege die Konten, mache Buchungen und überprüfe die Kasse. Dinge, die eben gemacht werden müssen - auch in Zei­ten von Corona. Doch meistens arbeite ich dieser Tage in mei­nen eigenen vier Wänden.

Was ist das eigentlich für ein Gefühl, das gänzlich verwaiste Radsport-Areal vorzufinden?

Das fühlt sich schon komisch an. Alles ist ruhig, alle Türen sind verschlossen. Davor hat man immer jemanden angetroffen, konn­te ein paar Worte wechseln. Jetzt komme ich auf die Bahn und schließe hinter mir ab.

Vermissen sie das Miteinander im Verein?

Sicherlich, das zeichnet ja das Vereins-Dasein aus.

Vom 24. bis 26. April hätte der SSV Gera die 18. Ostthüringen Tour in Gera, Silbitz und Münchenbernsdorf ausgetragen. Wann hat man sich seitens des Vereins dafür ausgesprochen, die Veranstaltung abzusagen?

Am 17. März haben Präsident Olaf Albrecht und Vertreter des Organisationsteams dergleichen beschlossen. Die Vor­be­rei­tun­gen für die Tour wurden daraufhin umgehend eingestellt.

Wie weit waren Sie da bereits mit den Vorbereitungen?

Sehr weit, denn wir hatten damit bereits im November 2019 be­gon­nen. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich hierbei um ei­ne Veranstaltung handelt, die sich über drei Tage erstreckt und an der rund 300 Nachwuchssportler teilnehmen. Dazu gesellen sich noch Trainer, Betreuer und auch Eltern, sodass wir im Großen und Ganzen 500 Personen bei jeder Etappe vor Ort ge­habt hätten. Letztlich handelt es sich um eine Groß­ver­an­stal­tung, die man nicht einfach so von heute auf morgen vorbereiten kann. Seit Januar hat sich das Or­ga­ni­sa­tions­team der Tour zwei­mal im Monat getroffen.

Welche bürokratischen Hürden galt es da im Vorfeld zu nehmen?

Die Veranstaltung muss beispielsweise beim Bund Deutscher Rad­fahrer angemeldet werden, außerdem müssen Anträge bei den entsprechenden Behörden der Stadt Gera, des Saale-Holz­land-Kreises und Kreis Greiz für den Streckenverlauf ein­ge­reicht werden. Darüber hinaus gab es Absprachen mit eben jener Firma, die die Rennstrecke absichern soll. Und dann wäre da noch die medizinische Betreuung.

Wieviele Anmeldungen hatten Sie im März?

Um die 200 hatten wir zu jenem Zeitpunkt.

Wie war die Stimmung nach der Absage?

Wie soll sie gewesen sein? Schweren Herzens haben wir uns dafür entschieden. Für uns als Verein ist das eine wichtige Ver­an­stal­tung, doch nachdem sich die Meldungen von immer mehr be­stä­tig­ten Corona-Fällen häuften und es auch immer mehr Ab­sa­gen von anderen Sportveranstaltungen gab, sprachen wir uns auch für eine solche aus. Dabei darf man nicht vergessen, dass jeder weitere Schritt in Sachen Vorbereitung auch mit fi­nan­zi­el­len Mitteln verbunden gewesen wäre. Wir hätten als Verein in Vorleistung gehen müssen. Die Ostthüringen Tour ist ein ei­gen­stän­di­ger Posten innerhalb unseres Finanzrahmens, sie muss sich eigenständig finanzieren und darf nicht den eigentlichen Vereinshaushalt belasten - und das ist uns in all den Jahren auch gelungen. Wir haben nie draufzahlen müssen.

Und welche Schritte mussten Sie nach dem 17. März einleiten?

Als Erstes haben wir natürlich alle Sponsoren und Förderer über die Absage informiert, haben unser Bedauern darüber geäußert. Danach haben wir uns aber auch mit den fünf Einrichtungen in Ver­bin­dung gesetzt, in denen die Sportler, Trainer und auch El­tern während der Tour untergebracht gewesen wären. Haben dort um Verständnis gebeten, dass wir in diesem Jahr nicht auf sie zurückgreifen können. Nicht zu vergessen die behördlichen Ver­tre­ter auf Seiten der Kommunen, die wir über die Absage in­for­mie­ren mussten. Darüber hinaus haben jene Vereine, die bei der Tour bereits zugesagt hatten, auch schon den so­ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tions­bei­trag gezahlt. Wir haben uns dafür aus­ge­spro­chen, diesen an die Vereine zurückzuzahlen, da sie ja allesamt auch unter der Corona-Krise leiden. Außerdem hatten wir bereits Fördermittel vom Landessportbund erhalten, um einen Teil der Kosten abzudecken. Als Verein haben wir dem Landessportbund nun eine detaillierte Auflistung in Sachen Kosten zukommen lassen. Wir werden sehen, wie dieser damit verfährt. Genauso hand­ha­ben wir es mit Geldern von Sponsoren.

Gibt es noch etwas anderes zu berücksichtigen?

Die Tour ist ja nicht nur ein Aushängeschild der Region, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Bei einem Schullandheim kann bei­spiels­weise aufgrund der Absage plötzlich ein vierstelliger Betrag im mittleren Bereich wegfallen. Dergleichen darf man auch nicht ver­gessen.

Haben Sie Unterstützung erfahren?

Wir haben unsere Hauptsponsoren für unsere schwierige Lage sensibilisiert, haben sie um Spenden gebeten, mit denen wir die bisher entstandenen Kosten teilweise etwas abdecken können.

Und wie ist diesbezüglich die Resonanz?

Durchaus positiv.

Klingt alles in allem nach einer Menge Papier?

Oh ja, und auch E-Mails.

Letzte Frage: Wann wird es wieder etwas lebendiger auf der Rad­renn­bahn in Gera?

Das ist eine schwierige Frage, vielleicht im Juni - und dann wo­mög­lich auch nur unter Auflagen. Für das Training der Athleten wäre es jedoch wünschenswert. (OTZ/Marcus Schulze)

siehe OTZ.de >>

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