„Sie hätten auch Nein sagen können“

OTZ Gera / Andreas Rabel

11. Nov 2019

Leon Brunnert mit seiner Trainerin Heike Schramm. (Foto: Andreas Rabel)
Leon Brunnert mit seiner Trainerin Heike Schramm. (Foto: Andreas Rabel)

Leon Brunnert ist Jugendmeister im Gehörlosen-Radsport. Doch er will mehr. Der SSV Gera hat einen Weg gefunden, ihn ins Training zu integrieren.

Gera. Sonntagmorgen auf der Radrennbahn in Gera. Nach und nach trudeln die Renner ein, noch bleibt etwas Zeit, für einen Plausch, geht es auch um den Athletiktest am Vortag in Erfurt. Trainerin Heike Schramm nimmt die Gruppe zusammen, gibt eine kurze Einweisung – nach Silbitz und zurück, nicht auf dem direkten Weg, soll es gehen. Grundlagentraining. Im Winter wer­den die Radsportler gemacht, da werden die Kilometer gefahren.

Mittendrin: Leon Brunnert. Und das ist etwas nicht Alltägliches. Der 11-Jährige kann die Geräusche und die Sprache nur mit ei­nem Hörgerät aufnehmen. Keine guten Voraussetzungen für den Stra­ßen­renn­sport, doch der Geraer lässt sich nicht abhalten. Radsport ist das, was er machen möchte – irgendwie schon immer, wie er sagt. Deutscher Jugendmeister bei den Ge­hör­lo­sen ist er schon, doch die Trainer beim SSV Gera in­te­grie­ren ihn ins Training, planen neben den Handicap-Wettkämpfen seinen Start bei den deutschen Zeitfahr-Meisterschaften. In den Oster­ferien geht es nach Kroatien zum Trainingslager.

Zum Radsport ist er über die Schul-AG gekommen. Im Vorjahr trainierte er bei U13-Trainerin Paula Kerndt, in der U15 ist Heike Schramm verantwortlich. Leon trainiert nun schon fünfmal in der Woche. „Ich könnte noch mehr trainieren. Ich bin gar nicht müde“, sagt er und man sieht ihm die Freude an, wenn er auf sein Rennrad schaut und über seinen Sport berichtet. Und ein großes Vorbild hat er auch: Bahnrad-Ass Robert Förstemann aus Gera.

„Leon ist ehrgeizig. Er ist mit Freude bei der Sache. Es macht Spaß, ihn zu trainieren“, sagt Heike Schramm. Auch für die Trai­ne­rin ist es etwas Neues, einen Gehörlosen-Sportler zu be­treu­en. „Es ist für mich total neu. Ich musste mich auch erst einmal mit den Besonderheiten des Kindes befassen und einen Weg finden, wie wir am besten kommunizieren können.“ Vor dem Training bekommt er Order wie alle anderen auch in der 16-köpfigen Trainingsgrupppe und unterwegs funktioniert es am besten mit Handzeichen und die Trainerin hebt die Hand für „Achtung“, oder trippelt mit den Fingern - also Tempo machen, Gang hoch schalten.

„Für mich ist die Arbeit mit Leon eine wertvolle Erfahrung. Es ist eine Aufgabe, die ich annehme. Es erweitert auch meinen Horizont als Trainerin.“ Und auch für die U15-Gruppe ist es eine Herausforderung, sie helfen ihrem besonderen Sportler. „Sie über­setzen meine Anweisungen in ein Zeichen und er hört auf die Zeichen. Das klappt schon gut.“

Mit dem Thüringer Gehörlosen-Verband sind die Geraer in Kon­takt, sprechen die Termine ab und hoffen, dass Leon Brun­nert alle Wettkämpfe – auch die im Gehörlosensport - für den SSV Gera absolvieren kann. Nur noch wenige Augenblicke bis zum Trainingsstart. Leon kommt noch einmal zurück. „Schreiben Sie bitte in die Zeitung, dass ich mich bei Frau Kerndt und Frau Schramm bedanken möchte, dass ich bei Ihnen trainieren kann. Sie hätten auch Nein sagen können.“ (OTZ/Andreas Rabel)

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