Alles klar, Herr Kommissar?

OTZ Gera / Andreas Rabel

14. Mär 2018

Christian Magiera erlebte in Apeldoorn seine erste WM als Chef der Jury. Erstmals als UCI-Kommissär war er 2009 bei einem Straßen­ren­nen in Herning im Einsatz. Der 37-jährige Geraer leitet auch die Ge­schäfts­stelle des Thüringer Radsport-Verbandes.  (Foto: A.Rabel)
Christian Magiera erlebte in Apeldoorn seine erste WM als Chef der Jury. Erstmals als UCI-Kommissär war er 2009 bei einem Straßen­ren­nen in Herning im Einsatz. Der 37-jährige Geraer leitet auch die Ge­schäfts­stelle des Thüringer Radsport-Verbandes. (Foto: A.Rabel)



Interview der Woche: Christian Magiera über das UCI-Reglement und warum er wegen Sprengstoffverdachts abgeführt wurde


Alles klar, Herr Kommissar? Werden Sie so eigentlich des Öfteren angesprochen?
Eigentlich kaum.

Dann vielleicht in Zukunft...
...weil es in der Zeitung steht?

Ja, vielleicht.
Aber es stimmt ja nicht so ganz. Nur die Österreicher sagen tatsächlich Kommissar, die anderen sagen Kommissär.

Bei den Bahnrad-Weltmeisterschaften in Apeldoorn waren Sie erstmals als Chef der Jury im Einsatz. Wann haben Sie davon erfahren?
Am 21. Dezember bekam ich eine Mail. Darin teilte mir die UCI mit, dass ich für die Bahnrad-WM benannt bin. Dass ich Präsident der Jury sein sollte, wurde mir dann 20 Tage vor dem Wettkampf mitgeteilt.

Was schoss Ihnen durch den Kopf? Noch einmal das Reglement lesen?
(Lacht). Das kenn ich schon. Aber meine Frau meinte, ich hätte Lampenfieber gehabt vor der WM in Apeldoorn.

Hatten Sie?
Eine gewisse Anspannung, ja. Das kenne ich ja aus meiner Zeit als Radsportler. Das ist ja auch etwas Positives. Man freut sich auf eine Sache, ist bei der Sache – man will ja auch gut sein.

Und dabei ist der Job als Kommissär ja nicht ohne.
Sie spielen auf meinen Flug nach Wales an?

Genau.
Die Reise war schon stressig, weil die Bahn zum Flughafen Frankfurt Verspätung hatte. Nur Rennerei und Stress. Und als ich mit meinem Gepäck die Sicherheitskontrolle passieren wollte, wurde ich abgeführt – da standen die Sicherheitsleute wegen Sprengstoffverdachts mit gezückter Waffe bei mir. Ich war zuvor als Starter im Einsatz und musste sehr, sehr viele Rennen an- und abschießen. Und da müssen auf meinem UCI-Anzug noch Schmauchspuren zu finden gewesen sein. Ich konnte aber alles aufklären und hab meinen Flug nach Cardiff noch erwischt.

Wie lief die WM in den Niederlanden? War es eine gelungene Veranstaltung?
Die WM, ich war in den vergangenen vier Jahren dreimal als UCI-Kommissär nominiert, wird mir als gelungene Veranstaltung in Erinnerung bleiben. Die WM war top organisiert, unheimlich viele Volunteers waren im Einsatz. Und 23.000 Zuschauer insgesamt, die letzten drei WM-Tage war die Halle ausverkauft, die können sich sehen lassen.

Und war die Jury gefordert?
Wir hatten ja einen schweren Unfall zu verkraften, als der Starter eine Startnummer auf der Bahn liegen sah, einen Sturz der Renner verhindern wollte – und selbst schwer verletzt wurde. Und dann mussten wir als Jury in der Teamsprint-Qualifikation die polnische Mannschaft wegen eines Wechselfehlers distanzieren, also auf den letzten Platz setzen. Eine ganz knappe Entscheidung ...

... mit einer Abseitsstellung im Fußball zu vergleichen, da ist es auch manchmal die Fußspitze, die es ausmacht.
Ja, so ähnlich. Nicht mal eine Reifenbreite war es. Und als Kommissär tut man sich mit solchen Entscheidungen schwer, weil die Polen die viertschnellste Zeit gefahren sind und sich durch den halben Reifen keinen so großen Vorteil herausgefahren haben, der eine Nichtberücksichtigung für die nächste Runde der besten Acht zur Folge gehabt hätte.

Wie war die Reaktion der Polen?
Sie waren enttäuscht, weil sie nicht mehr im Rennen waren. Sie haben mir erklärt, dass die Förderung der Teamsprinter an der WM-Platzierung festgemacht wird. Aber ich habe ihnen auch erklärt, dass das Reglement da keinen Spielraum lässt, dass es in diesem Fall nur die Distanzierung gibt. So eine Botschaft überbringe ich ungern.

Als Kommissär macht man sich nicht nur Freunde?
Nein, das muss man wissen, wenn man als UCI-Kommissär im Einsatz ist. Als ich 2015 in Frankreich eine französische Sportlerin die Bronzemedaille im Scratchrennen aberkennen musste, weil sie ihrer Kontrahentin ins Rad gefahren war, da hatte ich in der Halle erst einmal keine Freunde mehr.

Was hat Sie eigentlich damals bewogen, unter die Schiedsrichter zu gehen?
Meinen ersten Lehrgang habe ich besucht, weil ich wissen wollte, wie eine Jury arbeitet, wie sie zu den Ergebnissen kommt. Ich wollte sicherstellen, dass meine Sportler – damals war ich als Nachwuchstrainer beim SSV Gera aktiv – am Ende auch auf den richtigen Plätzen aufgeführt werden.

Sie haben erwähnt, dass im Fall der Distanzierung der polnischen Teamsprinter das Reglement keinen Spielraum zuließ. Lässt es das an anderer Stelle zu?
Ja, es gibt Spielraum. Wir als Jury versuchen das Reglement im Sinne des Sports auszulegen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?
Bleiben wir auf der Bahn. Gelingt beim Punktefahren einem Renner ein Rundengewinn, dann hieß es früher, ihm wird die Runde erst gutgeschrieben, wenn sich sein Vorderrad mit dem Hinterrad eines Fahrers im Feld überlappt. Heute sagen wir, die Runde ist gewonnen, wenn er im Windschatten des Feldes fährt. Aus sportlicher Sicht ist das der Punkt, an dem der Sportler einen Vorteil aus seiner Position ziehen kann – da er weniger Kraft aufwenden muss, als wenn er außerhalb des Windschattens fahren würde. Bekäme ein Sportler den Rundengewinn nicht, dann wäre er weiter an der Spitze des Rennes und würde Punkte in den nachfolgenden Sprints erhalten. Jetzt geben wir den Sprintern vorn im Feld die Punkte, die tatsächlich sprinten. Das Reglement lässt das zu und wir als Jury legen es modern aus.

Wird dieses Herangehen von den anderen UCI-Kommissären auch mitgetragen und wie sehen das die Sportler?
In der Jury in Apeldoorn wurde das überwiegend auch so gesehen, das machte mir das Führen der Jury natürlich sehr viel einfacher. Mehr und mehr setzt sich dieses Denken durch und die Sportler sehen es als Gewinn. Nehmen wir das Punktefahren. Das Rennen bleibt trotz Rundengewinn spannend, es lohnt sich weiter Tempo zu machen.

Was sind ihre nächsten Einsätze als UCI-Kommissär?
In Italien bin ich Chef der Jury bei einem Paracyclingrennen und am ersten Mai beim Straßenrennen Eschborn – Frankfurt bin ich Mitglied der Jury.  (OTZ/Andreas Rabel)

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