Ein Stück deutsch-deutsche Radsportgeschichte nacherlebt.
Olympiasieger von 1988 Olaf Ludwig und Silbermedaillengewinner Bernd Gröne als Ehrengäste beim 6. Radsport-Stammtisch.

SSV Gera / Presse

10. Apr 2017

Ein Radsport-Stammtisch, den wohl keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird: Bernd Herrmann, Bernd Gröne, Olaf Ludwig und Lucas Schädlich.
Ein Radsport-Stammtisch, den wohl keiner der Anwesenden so schnell vergessen wird: Bernd Herrmann, Bernd Gröne, Olaf Ludwig und Lucas Schädlich.

Bei Olympia in Seoul sportliche Kontrahenten und gut 28 Jahre später begrüßen sie sich mit festem Handschlag und liegen sich in den Armen, der ehemalige Ossi Olaf Ludwig und der Bundi Bernd Gröne. Gold für Olaf Ludwig, Silber für Bernd Gröne und dann noch Bronze für Christian Henn – drei Deut­sche auf dem Treppchen, ein beeindruckendes Bild, welches mit Blick auf den Fall der Mauer 1989 für viele im Nach­hinein als „Vorweggenommene Wiedervereinigung“ ge­se­hen wird. Sportlich gesehen schien so in Seoul zu­sam­men­zu­wach­sen was zu­sam­men­ge­hört.

Beim kürzlich stattgefundenen 6. Radsport- Stammtisch saßen Olaf Ludwig und Bernd Gröne nebeneinander und schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen und wer ihnen zuhört, merkt rasch, dass es viel mehr Gemeinsamkeiten zwischen beiden gibt, als man teilweise vermuten kann, kamen doch beide aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Systemen. „Geredet wurde wenig, man stand nebeneinander, selbst ein Blick­kon­takt wurde möglichst vermieden“, beschreibt Bernd Gröne das Aufeinandertreffen mit den Sportlern aus der DDR.

Wer nicht in dieses Schema passte, das war für ihn Olaf Ludwig, den er als sympathisch und immer freundlich wahr­ge­nommen hat.

Das beide in der „Alten Brauerei 1880“ wieder aufeinander trafen, ist dem Sportdirektor des SSV Gera, Bernd Herrmann, zu danken. „Ein Geschäftspartner, mit dem ich über Jahre zusammengearbeitet habe, hatte mich angesprochen, ob ich ihm eine Autogrammkarte von Olaf Ludwig besorgen und ihn bitten könnte, diese mit der Widmung zu versehen: ´Man kann nicht immer gewinnen`. Nachdem ich erfahren hatte, dass die Karte gut in Recklinghausen angekommen war, habe ich beschlossen Bernd Gröne nach Gera einzuladen und ihn mit Olaf Ludwig zusammenzubringen“, erzählt Bernd Herrmann.

Erwartungsgemäß war das zentrale Thema die Olympia 1988 von Seoul und speziell das Straßenrennen. Olaf Ludwig hatte extra dafür einen Film aus seinem Archiv ausgegraben, der die Dramatik des Straßenrennens noch einmal im vollen Umfang widerspiegelte. Bisher kannte Bernd Gröne nur die Version von Moderator Klaus Angermann und nun hörte er die andere Seite, die Version von Peter Woydt.

Mit Platz 14 das Punktefahren vermasselt, war der Geraer Hoffnungsträger in der Gunst der offiziellen DDR-Re­prä­sen­tan­ten ganz unten angekommen. „Ich wurde zum glä­ser­nen Menschen, die Funktionäre haben durch mich einfach durch­gesehen. Beim Frühstück reichte es nicht einmal für ein Guten Morgen“, erzählt Olaf Ludwig. Doch Verbandstrainer Wolfram Lindner hielt an seinem Schützling fest und schickte ihn beim Straßenrennen an den Start. Es sollte für den heute 56-Jährigen der bemerkenswerteste emotionale Höhepunkt in seiner sportlichen Ära werden.

Als sich Bernd Gröne darüber „beschwerte“, dass Ludwig nie zu sehen sei, erst in der letzte Runde plötzlich an seinem Hinterrad auftauchte, hält Olaf Ludwig dagegen: „Du wusstest doch, ich bin Sprinter und die Kuh wird erst am Zielstrich gemolken.“

Klar wusste er das, kannten sich beide doch schon länger. Dass er gegen einen solchen Topsprinter letztendlich verlor, steckte Bernd Gröne locker weg. Den Profivertrag für das Team Stuttgart hatte der amtierende Deutsche Meister ja schon in der Tasche, nun, mit dem Gewinn der Silbermedaille bei Olympia, konnte er sein sportliches Image noch weiter aufstocken.

Für Olaf Ludwig sollte nach Olympia Schluss sein, eine Entscheidung, die sich nach dem Desaster beim Punktefahren noch verstärkte. Mit Olympiagold in der Tasche entschied er dann doch, noch eine Saison anzuhängen. Das er dann sogar noch in das Profilager wechselte, war eher den sich aus der gesellschaftlichen Wende neu ergebenden Perspektiven geschuldet. „Bis dahin war Profi für mich nie ein Thema“, erzählte er.

Übrigens, zu sehen waren beim olympischen Straßenrennen auch keine Zuschauer, dafür ausreichend Sicherheitskräfte mit Maschinenpistolen und mit dem Rücken zu den Rennern, kam Olaf Ludwig noch einmal auf das Straßenrennen zurück.

Während im DDR-Radsport alles durchorganisiert war, lief es im anderen Teil Deutschlands eher etwas lockerer. Bernd Gröne kam zum Radsport, als sein Vater den damals 10-Jährigen mit zum Radrennen nahm und nur wenige Meter von ihm entfernt Eddy Merckx vorbeirauschte. Etwa zur gleichen Zeit erlebte Olaf Ludwig die Ankunft der Friedensfahrt in Gera. Beide wurden von der Faszination Radsport erfasst, Bernd Gröne wollte nun ein „Eddy Merckx“ und Olaf Ludwig „Friedensfahrer“ werden.

„Radsport ist die geilste Sportart, die es gibt. Eigentlich ist jeder einmal Rad gefahren, wodurch der Bezug zum Radfahren viel einfacher ist als zu vielen anderen Sportarten“, erklärt Olaf Ludwig die Faszination für diese Sportart, besonders auch bei der jüngeren Generation. Um aber im Radsport erfolgreich zu sein, so der Olympiasieger weiter, muss man für diesen Sport brennen, muss man ihn einfach lieben.

Die Trainingsbedingungen bei beiden konnten nicht unter­schied­licher sein. Erst als Peter Weibel Bundestrainer wurde, sollte sich das ändern. „Er setzte auf die Trainings­struk­tur aus der DDR und versuchte, sie Schritt für Schritt bei uns um­zu­set­zen. Trainingslager in Kuba, Teilnahme an der Kuba-Rund­fahrt, Höhentraining in Colorado – nur ein kleiner Aus­schnitt von dem, was vorher nie auf unserem Trainings­plan stand“, berichtet Bernd Gröne.

Es war eine Veränderung, die sich auch in den Leistungen auszahlte. So erinnert sich Olaf Ludwig: „Für uns waren die bundesdeutschen Renner bei der Friedensfahrt nette Kerle, aber doch eher ´Feldfüller`“, was sich später dann aber ändern sollte.

Halbe Sachen gab es für Olaf Ludwig nie. Für ihn galt, ohne Fleiß kein Preis, doch alles hat seine Grenzen, und er meint, „die Monotonie zu durchbrechen, das war schon immer mein Drang“.

„Wer mir in dieser Zeit wirklich leid getan hat, war unsere Briefträgerin. Am Ende hängte sie die voll gefüllten Beutel mit Briefen an unser Gartentor. Dann musste die ganze Familie mit ran, um all die Autogrammwünsche zu erfüllen“, erzählt Olaf Ludwig und gewann dabei eine für ihn wichtige Erfahrung: „Erst hier wurde mir bewusst, wie wichtig meine Erfolge für viele Menschen sind und welche Verantwortung sich daraus für mich als Sportler ergab.“

Was für Olaf bis heute spricht und ihn auch weiterhin sympathisch macht ist, dass er nie seine Bodenständigkeit verloren hat. „Als blutjunger Journalist wollte ich Olaf inter­vie­wen. Umringt von den Journalisten-Profis, trat er aus ihrer Mitte heraus und sagte, ´jetzt muss ich erst einmal meine Heimat­zei­tung bedienen`. Wir gingen in die Kabine und er stand mir Rede und Antwort“, erinnert sich Sportjournalist Andreas Rabel.

Mitgebracht hatte Olaf Ludwig seine Goldmedaille, die unter den Teilnehmern des Stammtischs die Runde machte sowie das Trikot der DDR-Nationalmannschaft und das Olympische Trikot, das aber bei keinem offiziellen Rennen getragen werde darf.

Es war ein Abend, geprägt von Erinnerungen, Emotionen und Einblicken, wiedergegeben von zwei Sportlern, deren sport­li­che Karriere in zwei unterschiedlichen gesellschaftlichen Sys­te­men begann, sie als Sportler und als Mensch selber aber im Grun­de ge­nom­men so unterschiedlich nicht entwickelte.  (rs)


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